Von:
Lisa Schürmann

e-gastfreundschaft.de

Wir alle kennen Situationen, in denen wir uns fremd fühlen: ob wir unser Elternhaus verlassen, eine neue Arbeitsstelle in einer unbekannten Stadt beginnen, das erste Mal in eine neue Gemeinde oder einen neuen Sportverein gehen, usw. Noch viel drastischer erfahren Menschen, die vor Krieg, Folter, Hunger und Armut in die Europäische Union (EU) fliehen, was es heißt „fremd“ zu sein. Da sind die Menschen aus Syrien, Irak, Eritrea und Afghanistan, die oft tagelang an Bahnhöfen und Grenzübergängen festsitzen.

Und da sind all jene, die ohne Aufenthaltserlaubnis in der EU leben. Oft müssen sie unter ausbeuterischen Bedingungen arbeiten, sind von der öffentlichen Gesundheitsversorgung und Bildung ausgeschlossen. Vor allem Frauen werden Opfer von Menschenhändlern und müssen ihre Schulden z.B. in Bordellen abarbeiten. Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis bleiben in Europa somit fast zwangsläufig fremd, da sie keinerlei Möglichkeiten erhalten, ein Teil unserer Gesellschaft zu werden.

Darüber hinaus sind da Menschen mit „Migrationshintergrund“, viele von ihnen deutsche Staatsangehörige. Auch ihr Alltag ist oft durch herablassende Behandlung in Behörden, (offene oder subtile) rassistische Äußerungen in der Öffentlichkeit oder eine Benachteiligung bei der Arbeitsplatz- oder Wohnungssuche geprägt.

Die Bibelstelle Mt 25,35 greift das Thema „Fremdsein“ auf: Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin fremd gewesen und ihr habt mich aufgenommen.

Diese Passage aus „Vom Weltgericht“ im Matthäus-Evangelium stellten Christinnen aus Frankreich im Jahr 2013 ins Zentrum ihres Gottesdienstes zum Weltgebetstag. Darin warfen sie eine Frage auf, die heute aktuell ist wie selten zuvor: Wie können wir „Fremde“ bei uns willkommen heißen?

Die Antwort darauf liefern Impulse aus der Bibel. Dort ist die Frage der Gastfreundschaft immer auch Glaubensfrage: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25, 40) Viele Bibelgeschichten erzählen davon, dass Gott Menschen in der „Fremde“ besonders begleitet. Die „fremde“ Moabiterin Ruth wird zur Stammmutter Jesu.

Der tägliche Blick in die Nachrichten genügt, um zu sehen, dass in unserer Welt häufig nicht gilt, wozu Jesus Christus aufruft: „Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen“. Und doch kann jede und jeder Einzelne von uns jeden Tag aufs Neue im Sinne Jesu Christi handeln!

In Zeiten brennender Flüchtlingsunterkünfte und wachsenden Rechtsextremismus in ganz Europa erreichen uns auch solche Meldungen: Freiwillige verteilen Kleiderspenden und Spielzeug an ankommende Menschen. Die Nachbarn nehmen Geflüchtete bei sich auf. Der Kollege unterstützt Kampagnen für eine humanere Flüchtlingspolitik. Die Kirchengemeinde veranstaltet ein Willkommensfest. Die Freundin unterrichtet ehrenamtlich Deutsch in der Erstaufnahme-Einrichtung. Im Großen und im Kleinen können wir so alle auf Jesu Spuren wandeln und ein starkes Zeichen gegen Ausgrenzung und Diskriminierung setzen!